Bewegungsfrei

Bil­dung, Well­ness, Hoch­zei­ten: All das könn­te in Zukunft im Nah­ver­kehr statt­fin­den. Bus­se und Bah­nen bräuch­ten dafür eine radi­ka­le Neuerfindung. Ein Text von Johanna Worbs.
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Aus dem 4. Teil der was wäre wenn-Reihe:

Was wäre, wenn öffentlicher Personenverkehr kostenlos wäre?

In Euro­pa ist Mobi­li­tät für alle Men­schen frei zugäng­lich. Man muss kei­ne Tickets mehr im Bus kau­fen, es gibt kei­ne Kon­trol­len in der U‑Bahn mehr, nicht ein­mal Zug­fahr­kar­ten muss man noch buchen. Ich fah­re an einem Sams­tag­mor­gen von Han­no­ver nach Ber­lin, besu­che eine Aus­stel­lung, abends wei­ter nach Ham­burg, um eine Freun­din zu tref­fen. Ich bin in Bewe­gung, neh­me teil am sozia­len und kul­tu­rel­len Leben. Ohne es mir erkau­fen zu müs­sen, ohne vor­her­ge­hen­den Tausch­han­del. Der Drei­klang – Arbeits­kraft, Lohn, Bewe­gungs­mög­lich­keit – ist auf­ge­löst. Ich habe die Opti­on zur Mobi­li­tät ein­fach so, weil es mein Recht ist, das nicht mehr an mei­nen ange­nom­me­nen Nut­zen für die Markt­wirt­schaft gebun­den ist. 

Was ich hier beschrei­be, ist ein Tag­traum. Ich habe die Kon­troll­me­cha­nis­men ver­nach­läs­sigt, die mich davon abhal­ten, uto­pi­sches Den­ken zuzu­las­sen und mir gebie­ten, Gege­ben­hei­ten als unver­än­der­li­che Zustän­de zu begrei­fen. Und genau des­halb sind Tag­träu­me eine Kul­tur­tech­nik, der wir mehr Gewicht zuge­ste­hen soll­ten. Sie sind wie Rei­sen, sie tra­gen in eine ande­re Wirk­lich­keit, öff­nen neue Mög­lich­kei­ten. Und manch­mal weiß ich danach, was ich nun tun möch­te, um die erträum­ten Zustän­de zu erreichen. 

Bäu­me statt Parkplätze

Zurück in mei­nen Tag­traum, in dem es allen vor­an um Bewe­gung geht. Wie doch eigent­lich alle Vor­stel­lun­gen von der Zukunft mit Bewe­gung zu tun haben. Die Fort­be­we­gungs­mit­tel in mei­ner Uto­pie sind ele­gan­ter, beweg­li­cher, lei­ser, sport­li­cher. Die meis­ten davon gehö­ren nie­man­dem und ste­hen damit allen zur Ver­fü­gung, vor allem der öffent­li­che Nah­ver­kehr in den Städ­ten, der auf wei­te­re Fort­be­we­gungs­mit­tel aus­ge­wei­tet wur­de wie Boots­ver­kehr, Seil­bah­nen, Fahr­rä­der, ein­zel­ne Robotaxis. 

Autos gibt es zwar wei­ter­hin, aller­dings sel­ten noch in Pri­vat­be­sitz, sie fah­ren pro­gram­miert und wer­den vor allem in den länd­li­chen Regio­nen genutzt. Län­ge­re Stre­cken erle­digt man nicht mehr indi­vi­du­ell, son­dern mit Bahn oder Schiff. Die urba­nen Innen­städ­te sind mehr oder weni­ger auto­frei, abge­se­hen von Kran­ken­trans­por­ten oder Lie­fer­ver­kehr. In den leer gewor­de­nen Park­häu­sern befin­den sich jetzt Geschäf­te, Restau­rants, Kul­tur­ein­rich­tun­gen, auf den ehe­ma­li­gen Park­plät­zen ste­hen heu­te Bäu­me. Urban Gar­de­ning mit­ten in Mün­chen ist kei­ne Sel­ten­heit mehr. Das führt zu einer Umnut­zung der Räu­me. Und zu einem neu­en Zusammenleben.

Ein neu­er Mythos der Bewegung

Wenn alle Men­schen in ihrer Mobi­li­tät die glei­chen Mög­lich­kei­ten bekom­men, heben sich sozia­le Unter­schie­de an man­chen Stel­len auf. Men­schen, deren finan­zi­el­le Mit­tel heu­te teil­wei­se nicht für die täg­li­che Fahrt mit dem ÖPNV zur Schu­le oder Arbeit aus­rei­chen, die sich eben kei­ne Bewe­gungs­frei­heit erkau­fen kön­nen, sind dann auch dabei. Denn sie kön­nen frei­er ent­schei­den, ob sie sich bewe­gen möch­ten: einen Aus­flug mit den Kin­dern in die Stadt, eine Tages­tour ans Meer — die leist­ba­ren Optio­nen wer­den zumin­dest größer. 

Die Mög­lich­keit zu rei­sen war immer auch eine Mög­lich­keit, den Hori­zont zu erwei­tern, die Per­spek­ti­ve zu wech­seln, kul­tu­rel­le und intel­lek­tu­el­le Erfah­run­gen zu machen und sich per­sön­lich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Nicht umsonst schick­ten die rei­chen Fami­li­en im 19. Jahr­hun­dert ihre Söh­ne auf eine Bil­dungs­rei­se. In mei­ner Tag­traum-Welt ist es nicht mehr den Söh­nen finan­zi­ell Bes­ser­ge­stell­ten vor­be­hal­ten, eine Bil­dungs­rei­se zu unter­neh­men. Jeder Mensch hat jetzt dazu die Chan­ce und wird zusätz­lich über all­ge­mei­ne Pro­gram­me ange­reizt, direkt nach der Schu­le für ein paar Mona­te zu rei­sen — kostenlos. 

Es sind Mythen, denen wir gemein­schaft­lich fol­gen, die eine Gesell­schaft for­men und zusam­men­hal­ten. Frü­her war es der Mythos von Wachs­tum und Besitz, der im indus­tri­el­len Zeit­al­ter auf­kam. In mei­ner Tag­traum-Welt ist ein neu­er Mythos sinn­stif­tend: Er han­delt von soli­da­ri­scher Beweg­lich­keit und Aus­tausch. Ver­net­zung ist kein Wort mehr, das haupt­säch­lich im Bereich des Digi­ta­len, der Finanz­welt oder im Bezug auf Waren benutzt wird, son­dern wird auch im All­tag gelebt. Die Mobi­li­täts­wen­de, das ist klar, beginnt im Kopf.

Zurück­blei­ben, bit­te, soll­te niemand

Für Men­schen ist jeder unge­woll­te Aus­schluss aus der Gesell­schaft eine Demü­ti­gung. Kann ich nicht Bus fah­ren, weil ich mir kein Ticket leis­ten kann, ver­rin­gert sich also nicht nur mein poten­ti­el­ler Bewe­gungs­ra­di­us, son­dern auch mein Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl zur Gesell­schaft wird gestört. Wäre die­se Begren­zung auf­ge­ho­ben, könn­ten sich alle frei­er bewe­gen, phy­si­ka­lisch eben­so wie mental.

Wei­ter im Tag­traum: Es gibt nicht nur fahr­schein­frei­en Ver­kehr für alle, es öff­nen sich auch Türen für eine neue Form der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Das stel­le ich mir so vor: Im Bus sind ver­schie­de­ne Berei­che gestal­tet, in denen ich mich auf­hal­ten kann. Ich ent­schei­de beim Ein­stei­gen, wo ich bei die­ser Fahrt sein möch­te, was mein Bedürf­nis ist und was mei­ner Stim­mung entspricht.

Im ers­ten Bereich kann ich mich ent­span­nen, es ist ruhig und das Licht ange­nehm. Dort wird nicht gespro­chen, es geht dar­um, Ener­gie zu tan­ken und aus der Hek­tik zu kom­men. Ich kann die Fahrt zur Rege­ne­ra­ti­on nut­zen. Schla­fen. Lesen. Musik hören. Nichts tun. Ein­stei­gen, um aus­zu­stei­gen. Viel­leicht wird sogar etwas Mas­sa­ge oder Well­ness ange­bo­ten. Wer weiß.

Eine fah­ren­de Sprachschule

Im zwei­ten Bereich kann ich mich mit ande­ren aus­tau­schen. Es gibt eine aktu­el­le Fra­ge des Tages, die dort mit­ein­an­der dis­ku­tiert wer­den kann. Manch­mal sind auch Abstim­mun­gen mög­lich, das Mei­nungs­bild des Tages wird jeweils am nächs­ten Mor­gen ver­öf­fent­licht und an die Bürgermeister*innen und Ver­wal­tun­gen wei­ter­ge­ben, damit sie die Ergeb­nis­se in ihre wei­te­re Arbeit ein­be­zie­hen. Die Fra­ge könn­te lau­ten: Wo soll­ten wir die neue Seil­bahn bau­en? Sie könn­te auch lau­ten: Soll­ten wir Zöl­le auf außer­re­gio­na­les Gemü­se erhe­ben? Oder: Wie kann der Park umge­stal­tet wer­den? Wie kön­nen wir die Ver­kehrs­si­cher­heit ver­bes­sern? Wie und was und wo sol­len unse­re Kin­der lernen? 

In die­sem Bereich dis­ku­tie­ren alle mit­ein­an­der. Von der Stadt­ver­wal­tung ist den gan­zen Tag jemand mit dabei, um Ide­en und Anre­gun­gen mit­zu­neh­men, Infor­ma­tio­nen zu geben und im Aus­tausch mit den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern zu sein. Die Men­schen füh­len sich infor­mier­ter über die Ent­wick­lun­gen und The­men in ihrer Stadt und ihrem Quar­tier. Neu­zu­ge­zo­ge­ne Men­schen fin­den über die­se Platt­form schnel­ler und unkom­pli­ziert Anschluss. Mit­be­stim­mung wird gelebt und damit kann auch mehr Eigen­ver­ant­wor­tung über­nom­men werden. 

Mög­li­cher­wei­se gibt es zusätz­lich klei­ne Spracht­an­dems, wenn jemand eine Spra­che ler­nen möch­te. Eine Zwei­er-Sitz­bank, die dazu ein­lädt, ein kur­zes Gespräch auf deutsch, eng­lisch, spa­nisch oder ara­bisch zu füh­ren — je nach per­sön­li­chem Wunsch. Eine fah­ren­de Sprach­schu­le für den Alltag.

Leicht und fließend

Im drit­ten Bereich kann ich büro­kra­ti­sche Wege im Bus erle­di­gen. Die Stadt­ver­wal­tung hat eine mobi­le Stel­le in den Bus­sen ein­ge­rich­tet. Ummel­dun­gen, Anmel­dun­gen, Anträ­ge kön­nen dort direkt bekom­men oder abge­ge­ben, Fra­gen gestellt wer­den. In man­chen Bus­sen kann man auch hei­ra­ten, das sind Son­der­li­ni­en. Und in allen Bus­sen ist eine Per­son von der Stadt­ver­wal­tung, die mit allen Men­schen spricht und sie über büro­kra­ti­sche The­men auf­klärt und berät. 

Der vier­te Bereich ist ein Kin­der­pa­ra­dies, sehr bunt und vol­ler Bil­der und Geschich­ten zum Vor­le­sen oder Sel­ber­le­sen, in ver­schie­de­nen Spra­chen und mit einer Per­son, die den Bereich betreut.

Leicht und flie­ßend, die­se bei­den Wor­te schie­ßen mir durch den Kopf. Kein War­ten, kein Drän­geln, die Bus­se in mei­nem Tag­traum fah­ren in einem dich­ten Takt, so dass sie nie über­las­tet sind. Da es so wenig Autos mehr gibt, ist es ein sehr gleich­mä­ßi­ger Ver­kehrs­fluss und zudem viel lei­ser, weil elek­tro­be­trie­be­ne Fahr­zeu­ge überwiegen. 

Zusam­men fah­ren, zusam­men entscheiden

Busfahrer*innen haben, da die Fahr­zeu­ge pro­gram­miert fah­ren, ganz neue Funk­tio­nen und Mög­lich­kei­ten. Ihre Aus­bil­dung umfasst Kom­mu­ni­ka­ti­on, Stadt- und Kul­tur­ge­schich­te, inter­kul­tu­rel­le Bil­dung und Päd­ago­gik. Sie sind Exper­tin­nen und Exper­ten dafür, mit ver­schie­de­nen Men­schen zu kom­mu­ni­zie­ren und sie in einen Aus­tausch zu brin­gen. Sie über­neh­men eine sozia­le Rol­le, die sie vor­her nur meta­pho­risch hat­ten: Men­schen mit­ein­an­der in Kon­takt zu bringen. 

Der öffent­li­che Ver­kehr steht nicht mehr nur Fort­be­we­gungs­mit­tel, son­dern begreift sich viel­mehr als ein inte­gra­les Sys­tem, das Ver­bin­dun­gen zwi­schen unter­schied­li­chen sozia­len Grup­pen schafft. Dafür wer­den Pro­gram­me abge­stimmt, um den öffent­li­chen Aus­tausch anzu­re­gen und zu fördern.

Wenn ich an einer Gemein­schaft aktiv teil­neh­men kann, ent­steht ein Gefühl der Zuge­hö­rig­keit und ich ent­wi­cke­le Ver­ständ­nis für Pro­zes­se und Ent­schei­dun­gen. Dazu trägt die Kennt­nis von Stadt- und Kul­tur­ge­schich­te bei, eben­so der Aus­tausch mit ande­ren Men­schen, die am sel­ben Ort leben. Die Erfah­rung von Selbst­wirk­sam­keit, bei poli­ti­schen Fra­gen gehört zu wer­den und mit­be­stim­men zu kön­nen. Oder die Mög­lich­keit, mich jeder­zeit bewe­gen zu kön­nen, ande­re Ein­flüs­se zu erle­ben, ande­re Per­spek­ti­ven kennenzulernen. 

Ein Abgren­zungs­in­stru­ment weniger

Ich habe eine Aver­si­on gegen über­füll­te Bus­se und U‑Bahnen, in denen nach mei­nem Emp­fin­den alle direkt beim Ein­stei­gen eine unge­sun­de Gesichts­far­be bekom­men und schlech­te Lau­ne sowie­so. Aber wenn es ein Raum wäre, der sozia­le Auf­ga­ben erfüll­te, statt ein Fahr­zeug, das nur die Stre­cke zwi­schen A und B zurück­leg­te — was wäre dann?

Wäre der öffent­li­che Ver­kehr fahr­schein­frei, hät­ten wir ein sozia­les Abgren­zungs­in­stru­ment weni­ger in unser Sys­tem instal­liert. Wäre zudem der Ver­kehr in den über­wie­gen­den Antei­len öffent­lich und wür­de dar­über­hin­aus ver­mehrt Sharing-Kon­zep­ten fol­gen, könn­ten wir Mobi­li­tät von Sta­tus­sym­bo­lik tren­nen. Nicht der fet­te SUV wäre dann Vor­zei­ge­ob­jekt, son­dern viel­mehr die Erfah­run­gen von der letz­ten Rei­se wür­den ausgetauscht.

Was ich selbst mit­ge­stal­te, das zer­stö­re ich sel­ten. Ich ver­ste­he, war­um es gestal­tet ist, wie es gestal­tet ist und ver­su­che, es zu ver­bes­sern, wo es mir mög­lich ist. Ich bin nicht außen, son­dern Teil des Gan­zen. Ich begrei­fe mich selbst als Gestal­tungs­kraft mei­ner eige­nen Zukunft. 


Autor*in

Johan­na Worbs ist Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Kon­zep­te­rin. Ihr Schwer­punkt liegt in den Berei­chen Mobi­li­tät und Betei­li­gungs­for­ma­te mit einem beson­de­ren Inter­es­se für die Gestal­tung gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­rungs­pro­zes­se. Seit 2015 arbei­tet sie bei der Iden­ti­täts­stif­tung in Hannover.

Was wäre, wenn…

… öffentlicher Personenverkehr kostenlos wäre?

Im 4. Teil unserer was wäre wenn-Reihe sprechen wir über Personenverkehr. was wäre wenn ist das Online-Magazin der Initiative Offene Gesellschaft für konkrete Utopien. Unser Ziel ist es, Alter­na­ti­ven für die Gesellschaft sicht­bar zu machen und poten­zi­el­le Lösun­gen ins Zen­trum zu rücken.

Jedes Thema wird mit einer was wäre wenn-Frage eröffnet und anschließend in Essays, Interviews und in einem begleitenden Podcast diskutiert. Zum Wesenskern unseres Magazins gehört die Pluralität der Stimmen und Perspektiven. Die Inhalte werden deshalb, neben journalistischen Beiträgen, vor allem von Expert*innen aus Wissenschaften, Praxis und Zivilgesellschaft verfasst.

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