Was unserer Generation wirklich fehlt
Von Konstantin Wiese
Meine Generation ist mit Smartphones, Social Media und permanenter Erreichbarkeit aufgewachsen. Studien zeigen aber, dass viele junge Menschen die Zeit ohne Handy und Internet genießen.1 In meinem Umfeld merke ich gleichzeitig, dass das Bedürfnis wächst, die eigene Social-Media-Nutzung zu reduzieren und wieder mehr Dinge abseits von Bildschirmen zu unternehmen. Doch wie gut besucht sind Orte wie Jugendzentren, offene Treffs oder Clubs, an denen junge Menschen ohne Handy zusammenkommen? Und was braucht es, damit junge Menschen sie nutzen?
Es war Sonntagabend, ich war mit Freund*innen aus der Grundschule auf ein Bier in einer Bar und erzählte ihnen, dass ich gerne mehr lesen würde. Dabei stellte sich heraus, dass eine meiner Freundinnen, Paula, gerade gemeinsam mit anderen Freundinnen einen Buchclub ins Leben gerufen hat. „Rosa Seiten“ trifft sich einmal im Monat, um ein Buch zu lesen und zu besprechen, das zu wechselnden gesellschaftlichen Themen passt. Seit knapp drei Monaten bin ich nun Teil dieses Buchclubs, der mittlerweile über 100 Follower*innen auf Instagram hat und bei den Treffen bis zu 20 junge Menschen zusammenbringt. Ich habe mit Paula gesprochen und sie gefragt, wie der Buchclub entstanden ist und wie er so schnell wachsen konnte.

Buchclub „Rosa Seiten“
„Ein Buchclub war für uns die perfekte Möglichkeit, uns und andere zum Lesen zu motivieren“, erzählt mir Paula. „denn Lesen ist politisch!“. „Bei Rosa Seiten sind alle willkommen, ganz egal, wie viel man normalerweise liest oder wie viel Vorwissen man zu den besprochenen Themen hat.“
Ein Grund, warum so viele auf das Angebot eingegangen sind, ist die Soli-Kasse. „Lesen ist nicht unbedingt niedrigschwellig”, sagt Paula. „Wer regelmäßig Bücher kauft, braucht Geld. Mit der solidarischen Kasse können wir vielen den Einstieg in den Club ermöglichen.“ Dieses Angebot wird von vielen angenommen und sorgt dafür, dass die Treffen immer gut besucht sind.
Sandra, die Gründerin von Lehnitz Connect, einer Initiative aus Lehnitz in der Region Oberhavel, bietet eine weitere spannende Perspektive auf Offline-Treffpunkte. Lehnitz Connect schafft Begegnungs- und Beteiligungsräume für junge Menschen im Alter von 18 bis 27 Jahren. „Es muss einfach jemanden geben, der sagt: Wir machen das jetzt“, sagt Sandra. Sie organisierte ein erstes Treffen, zu dem auch direkt Leute außerhalb von Lehnitz kamen. Das zeigt: Die Nachfrage nach Offline-Angeboten ist hoch.

Jugendinitiative „Lehnitz Connect“
Besonders im ländlichen Raum sei Wohnortnähe entscheidend, betont sie. Wer keinen Führerschein hat oder sich teure Freizeitangebote nicht leisten kann, bleibt schnell außen vor. Dass die Treffen kostenfrei sind, ist deshalb ein bedeutender Faktor. „Es ist einfach eine wichtige Sache, Angebote zu schaffen“, sagt auch Rasmus, der erst Teilnehmer war und jetzt im Orgateam der Initiative ist. „Wenn es diese Angebote gibt, sei es wesentlich leichter, von den Bildschirmen wegzukommen“.
Gleichzeitig würden Initiativen wie Lehnitz Connect ohne Social Media nicht gut funktionieren. Vor allem Instagram sei ein sehr wichtiger Faktor und überlegen gegenüber Flyern oder Mund-zu-Mund-Propaganda. Da der Großteil der jungen Menschen in den sozialen Medien aktiv ist, ist es einfach, sie dort anzusprechen, wo sie sich aufhalten.
Auch meine Kollegin Elisabeth hat Erfahrungen mit Jugendclubs auf dem Land gemacht. Der dortige Jugendtreff war ein wichtiger Bestandteil ihrer Jugend. Sie erzählt von „Freiheit, Flexibilität und wenigen festen Regeln“, von eigenen Entscheidungen, Verantwortung und Kompromissen. „Ohne den Club hätte man sich wohl auf Parkplätzen oder an Bushaltestellen getroffen. Aber das ist nicht derselbe geschützte Raum.“

Jugendclub in Brandenburg
Für sie steht fest: Jugendclubs fördern nicht nur Freundschaften und soziale Kompetenzen, sondern auch demokratische Teilhabe und Zusammenhalt. „Wenn Anfahrtswege lang sind und es wenige Alternativen gibt, sind offline Treffpunkte wie Jugendclubs DIE sozialen Begegnungsräume für junge Menschen abseits von Bildschirmen“, so Elisabeth.
Braucht meine Generation also mehr offline Treffpunkte? Und will sie sie überhaupt nutzen? Die Gespräche und Beispiele zeigen: Ja, aber nicht, weil junge Menschen „weniger am Handy sein sollten”, sondern weil echte Begegnung Räume braucht. Orte, an denen man sich ohne Konsumzwang trifft, an denen man sich ausprobieren kann und an denen man gehört wird. Ob Jugendclubs, Initiativen wie „Lehnitz Connect” oder Buchclubs – überall zeigt sich, dass solche Treffpunkte genutzt werden, wenn es sie gibt. Die eigentliche Frage ist also nicht, ob wir diese Orte brauchen, sondern wer als Nächstes sagt: „Das machen wir jetzt!“
- https://mpfs.de/app/uploads/2025/11/JIM-2025_Chartbericht_PDF.pdf , „Überdruss digitaler Kommunikation“ ↩︎
Dieser Blogartikel enstand im Rahmen von „Treffpunkt Offline“, das diesjährigen Motto des Tags der Offenen Gesellschaft am 20. Juni. Konstantin Wiese macht im Moment sein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Initiative.