IOG Magazin

Depolarisierung

Warum Zuhören radikal ist

Wie können wir trotz unterschiedlicher Meinungen im Gespräch bleiben?

Lea Pehnt

14. Oktober 2026

6 Min. Lesezeit

Die Herausforderung

„Empathie ist einfach. Solange wir in unserer Blase bleiben und Menschen begegnen, die unseren Alltag, unsere Einstellungen und Werte teilen”, so eine Teilnehmerin unseres Workshops zu Perspektivwechsel im Rahmen des Projekts Depolarize. 

Doch wir nehmen immer öfter wahr, dass viele die Stimmung in der Gesellschaft als immer aufgeheizter wahrnehmen, kontroverse Themen umschiffen oder Gespräche abblocken. Sogar im eigenen Umfeld kommen uns manche Themen heikel vor oder führen zu Spannungen: Waffenlieferungen, Enteignung, Heizungsgesetz, Brandmauer.  

Wir haben selten die Möglichkeit, uns über unterschiedliche Lösungsansätze für diese Debatten auszutauschen. Doch hier liegt die Herausforderung: wenn wir Menschen ablehnen, weil sie anders denken als wir selbst, kann das zum Problem für unser Zusammenleben werden. 

 

Das Toolkit

Wir sind überzeugt, dass es wichtig ist, im Gespräch zu bleiben, trotz Unterschieden. Das ist nicht nur eine Frage der inneren Haltung, sondern auch Übungssache. Dafür haben wir im Projekt Depolarize ein Toolkit gegen die zunehmende „affektive Polarisierung“, die Ablehnung von (politisch) Andersdenkenden, entwickelt. Eine Sammlung von Ansätzen und Übungen, die helfen, die eigenen Vorurteile zu hinterfragen, Offenheit zu stärken und die Perspektive zu wechseln.

Gemeinsam mit unseren wissenschaftlichen Partnern an den Universitäten Hamburg und Wien haben wir in einem ersten Schritt Erkenntnisse aus der Forschung gesammelt: In den USA gibt es dazu schon viel mehr Forschung, allerdings ist sie auf das deutsche politische System kaum anwendbar. In Deutschland gibt es mehr Parteien, und andere Themen, die die Gesellschaft beschäftigen. 

Wir haben mithilfe der Universitäten die Erkenntnisse aus der Polarisierungsforschung in Hintergrundwissen und praktische Methoden übersetzt, die auch in Deutschland gegen die wahrgenommene Spaltung in Meinungslager wirken.

Zuerst muss man verstehen, woher die Spaltung eigentlich kommt und wer davon profitiert. Konkret fragt man: „Wer befeuert diese Spaltung, und wo können wir als Gesellschaft vielleicht enger zusammenhalten, wo man uns auseinanderbringen will?“. Wissenschaftlich gestütztes Hintergrundwissen zu Polarisierung bildet deshalb eine wichtige Grundlage für unser Toolkit.

Und wie so oft im Leben hilft es, nicht nur auf andere zu zeigen, sondern bei sich selbst anzufangen. Manchmal fällt es schwer, eine innere Offenheit beizubehalten und erst einmal unvoreingenommen zuzuhören, bevor man voreilige Schlüsse zieht. Wähler*innen anderer Parteien haben extreme Meinungen, alte Menschen sind konservativ oder Stadt- oder Landbewohner*innen haben sich nichts zu sagen – das sind nur einige der Vorurteile, auf die wir immer wieder stoßen. Deshalb sind einige unserer Übungen darauf ausgerichtet, die eigenen Vorannahmen zu hinterfragen und regen zum Nachdenken an, mit welcher Haltung man anderen begegnet.  

 

Empathie hilft gegen Spaltung

Einer der wirksamsten Wege gegen Spaltung ist Empathie: die Fähigkeit, sich in die Gedanken, Motive und Gefühle einer anderen Person hineinzuversetzen. Unsere Meinungen entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern werden durch folgende Faktoren stark geprägt: wie wir aufwachsen, welche Erfahrungen wir machen, welche Werte uns mitgegeben wurden, wie wir unseren Alltag leben: Beruf, Familie, Wohnort, Religionszugehörigkeit und Identität. Empathie als Gegenstrategie zu Polarisierung bedeutet, mitzudenken, dass hinter jeder Meinung Erfahrungen und Prägungen stecken. Empathie heißt dabei nicht, diese Gedanken und Gefühle teilen zu müssen oder zuzustimmen, doch sie bildet die Grundlage dafür, sich wirklich zu verstehen und auf Augenhöhe austauschen zu können. 

Aus diesen Gründen bilden Übungen zur Stärkung von Empathie den Kern unserer Strategie gegen Polarisierung. Wir sammeln in einer Audio-Bibliothek Geschichten von „Menschen und Meinungen“ inklusive Begründungen, wie sie zu ihrer Meinung gekommen sind. Ein Gesprächsleitfaden soll helfen, sich mit einer anderen Person über ein Thema auszutauschen und sich gegenseitig ehrlich und möglichst unvoreingenommen zuzuhören.  

 

Erkenntnisse aus der Praxis

Bei unseren Ansätzen geht es nicht darum, das Allheilmittel gegen gesellschaftliche Spaltung anzubieten. Sie sollen eine Einladung zum Nachdenken und Ausprobieren sein: mit der eigenen Schulklasse, in der Nachbarschaft, im Team, in der Familie oder auch allein. Deshalb haben wir in den vergangenen Monaten mit einigen Gruppen gearbeitet, um unsere Ideen zu testen. Von der Kölner Schulklasse, über den jungen Berliner Kulturverein, auf dem Brandenburger Dorffest bis zu den engagierten Rentner*innen in Kassel. Der Austausch mit ihnen hat uns gezeigt: Die Perspektive zu wechseln, ist gar nicht so einfach, egal, wo man sich positioniert. Und die Grenzen der eigenen Empathie auszuloten, ist ein Drahtseilakt, den man immer wieder neu balancieren muss. Doch einige Erkenntnisse konnten wir aus der Testphase unserer Methoden bereits mitnehmen.  

 

1.) Der Wunsch nach Auflösung der Kontroverse  

Viele Gruppen kommen auf uns zu, mit dem Wunsch, ein Rezept für schwierige Gespräche zu bekommen. Wir alle kennen diese Situation: das Gespräch mit dem Onkel, das sich im Kreis dreht; diese eine Arbeitskollegin, die immer wieder schwierige Kommentare macht oder das Gespräch in der Kneipe, in das man am liebsten eingreifen würde. Doch dieses Rezept wollen wir mit Depolarize nicht liefern. Wir glauben, es lohnt sich, früher anzusetzen: Bei der eigenen Bereitschaft, solche Unterschiede überhaupt auszuhalten, und statt auf Überzeugen erstmal auf Verstehen zu setzen. Diese Bereitschaft lässt sich üben, bevor es zu Begegnungen kommt, die eskalieren. Gleichzeitig ist die Frage, bis wohin diese Bereitschaft gehen kann, eine sehr persönliche. Und eine, die es je nach eigener Positionierung, Identität und Energie immer wieder neu zu beantworten gilt.  

 

2.) Die Wohltat des Zuhörens  

Wir merken immer wieder, wie gut es tut, wenn jemand uns wirklich zuhört. Und wenn wir selbst ohne Ablenkung zuhören dürfen. So schaffen wir gemeinsam eine Stimmung des Verstehen-Wollens statt Argumente-Findens. Argumente haben ihren Platz, doch wenn die Basis ein gegenseitiges Verständnis ist, finden sie oft viel besser Anschluss, als wenn direkt eine Diskussion entsteht, in der beide Recht haben wollen. Dabei helfen unsere Übungen zu Perspektivwechsel, als Audio- und Gesprächsformat. 

 

3.) Der Überraschungseffekt  

Was für manche eine Meinung ist, die sie ohne weiteres unterschreiben würden, ist für andere ein echter Aufreger. Einige Gruppen, die es gewohnt sind, sich über politische Themen kontrovers auszutauschen, haben unsere Geschichten überhaupt nicht überrascht. Für andere Workshopteilnehmer*innen waren sie der Auslöser für lautstarke Diskussionen. Überraschung: es kommt ganz auf die Gruppe an. Das motiviert uns, noch mehr diverse Meinungen und Geschichten zu sammeln, um das Hineinversetzen in unterschiedlichen Sichtweisen üben zu können.  

 

Wie gehts es weiter? 

Ende des Jahres wird das Toolkit auf unserer Website veröffentlicht, um es selbst auszuprobieren. Dann freuen wir uns über Rückmeldungen aus der Praxis!

offenegesellschaft.org/depolarize
Foto: Martin Dziuba


Initiative Offene Gesellschaft · IOG Magazin

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