IOG Magazin

politische Kommunikation

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?

Was die Wahlen über den Zustand unserer Demokratie verraten

Isabell Kolditz

7. Oktober 2026

6 Min. Lesezeit

Was die Wahlen über den Zustand unserer Demokratie verraten

Die jüngsten Wahlergebnisse in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt werfen Fragen auf, die über die beiden Landtagswahlen hinausweisen. Sie zeigen eine politische Landschaft, in der sich autoritäre Kräfte verfestigen. Zugleich stellt sich die Frage, ob demokratische Parteien an Bindungskraft bei ihren Wähler*innen verlieren und, wie Demokratie wieder näher an den Alltag der Menschen rücken kann.

Am Freitag, 25. September 2026 folgten die Mitmacht-Teilnehmer*innen gleichermaßen gebannt und unterhalten der Diskussion über die kurz zuvor entschiedenen Wahlen. Auf dem Panel moderierte Christin Bohmann (MDR Chefredakteurin) und Julia Reuschenbach (Politik- und Sozialwissenschaftlerin), David Begrich (Mitarbeiter der Arbeitsstelle Rechtsextremismus bei Miteinander e.V. in Magdeburg) und Jochen Schmidt (Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern) diskutierten.

 

Die stille Normalisierung der AfD-Erfolge

Julia Reuschenbach verwies darauf, wie schnell das starke Abschneiden der AfD nach den Wahlen aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwunden sei. Auch in Mecklenburg-Vorpommern sei die Aufmerksamkeit begrenzt geblieben – obwohl die Partei ein starkes Ergebnis erzielt habe.

Manuela Schwesig habe als populäre Kandidatin zwar viele Stimmen gewinnen können, so Reuschenbach, allerdings auf Kosten anderer demokratischer Parteien.

„In Mecklenburg-Vorpommern konnte die Frau gegen Blau zwar aufholen, aber nicht gegen Blau, sondern zum Verlust der anderen Parteien.”

Dass die AfD dennoch ein so starkes Ergebnis erzielte, sollte eher alarmieren als beruhigen.

 

Sachsen-Anhalt als politisches Versuchslabor

Noch deutlicher fiel die Analyse für Sachsen-Anhalt aus. Dort ließe sich beobachten, wie neue Formen autoritärer Politik erprobt werden. Es geht nicht nur um einzelne politische Entscheidungen, sondern um Veränderungen im Verständnis von Regierungsführung und politischer Kultur insgesamt.

David Begrich: „Es ist das Ende der politischen Normalität der Bundesrepublik nach 1990.”

Deshalb reiche es zukünftig nicht, wenige Wochen vor einer Wahl verstärkt hinzuschauen. Demokratische Öffentlichkeit brauche Kontinuität. Gerade in den Phasen, in denen Medien und Bundespolitik ihre Aufmerksamkeit anderen Themen zuwenden, können sich tiefgreifende Verschiebungen vollziehen.

Oder wie Begrich es formulierte:

„Bitte interessieren Sie sich für die Dinge, die in Sachsen-Anhalt laufen, nicht um unseren Willen, sondern um Ihren Willen.”

 

Der Erfolg einer „unpolitischen politischen Kommunikation”

Ein wichtiger Grund für die Stärke der AfD liege in ihrer Kommunikationsstrategie. Politiker wie Ulrich Siegmund haben verstanden, wie man Menschen erreicht, für die Politik im Alltag nur ein Hintergrundrauschen darstellt.

Statt klassischer politischer Kommunikation setzten sie auf einen „unpolitischen politischen Wahlkampf”. Die Ansprache ist informell, nahbar und vermittelt den Eindruck von Augenhöhe.  Damit erreichten sie auch Menschen, für die Politik im Alltag bislang kaum eine Rolle spiele.

Inhaltlich setze die AfD zugleich auf nostalgische Erzählungen. Ihre Botschaft lautet: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?”, so David Begrichs pointierte Analyse. Beschworen werde eine Vergangenheit, die als überschaubar, vertraut und heimatlich erscheine, unabhängig davon, ob diese Vorstellung historisch jemals existiert hat.

Zu dieser Strategie gehören auch scheinbar unpolitische Formate wie Grillfeste oder lokale Begegnungsangebote. Politik müsse dort gar nicht ausdrücklich im Vordergrund stehen. Gerade dadurch könnten Nähe und langfristige Bindung entstehen.

 

Was demokratische Parteien anders machen müssen

Die demokratischen Parteien stehen vor der Herausforderung, daraus Schlüsse zu ziehen. Julia Reuschenbach plädierte für eine langfristige und zielgruppenspezifische Ansprache – unabhängig von Wahlperioden.

„Es ist nicht gottgegeben, dass junge Menschen oft die Ränder der Parteien wählen. Was machen wir mit dieser Heterogenität? Bei Wahlen werden in Zukunft so viele Szenarien auf dem Tisch liegen.”

Hinzu komme ein strukturelles Problem: Viele Menschen zweifelten daran, dass Politik ihre Lebensrealität kenne und wirklich für das kämpfe, was sie verspreche. Zwischen Wählerschaft und Funktionärsebenen bestehe in vielen Parteien eine spürbare Distanz. Das erschwere neue Beteiligungsformen und führe dazu, dass Parteien häufig zögern, Bürgerräte oder offene Dialogformate einzusetzen. Reuschenbach: „Augenhöhe heißt, man muss wirklich mit den Menschen sprechen wollen und in einen Dialog kommen, bei dem man tatsächlich miteinander spricht.” Statt „Was hilft gegen die AfD” sei deshalb eine andere Frage entscheidend: „Was hilft mir als Partei überhaupt erstmal, um mit meinen Wähler*innen in den Dialog zu treten?”.

Parteien müssten demnach wieder stärker versuchen, vor Ort präsent zu sein. Das bedeute jedoch nicht, die Methoden der AfD einfach zu kopieren. Vielmehr gehe es um Nahbarkeit und aufsuchende Arbeit statt institutioneller Distanz. Wer die Menschen erreichen wolle, dürfe nicht darauf warten, dass sie zur Bürgersprechstunde kommen. Politiker*innen müssen auch dort auftauchen, wo Alltag stattfindet: in Vereinen, auf Dorffesten, in Gaststätten oder bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Reuschenbach: „Den Leuten imponiert, wenn jemand aus der Politik einfach mal in ihrer Straße einen Stand mit Kuchen aufstellt und sagt: ,Lass mal quatschen.‘” Oder, so Reuschenbach, statt den Kneipenbesuch wochenlang auf Social Media anzukündigen, einfach hinzugehen und wenn jemand fragt „Wer bist du?” sagen: „Ja, ich bin dein Abgeordneter und wollte mit dir mal ein Bier trinken.” Das spricht sich rum!

Gerade Kooperationen mit lokalen Organisationen seien dabei zentral. Verbände, Vereine und Ehrenamtsstrukturen verfügen häufig über ein Vertrauen, das Parteien vielerorts verloren haben. Diese Vereine gelte es, gerade in Sachsen-Anhalt, langfristig zu abzusichern. Jochen Schmidt: „Wir haben jetzt noch fünf Jahre Zeit, die Initiativen zu unterstützen. Wenn das wegfällt, haben wir ein Problem.”

 

Demokratie braucht mehr als Wahlen

Die Diskussion richtete den Blick damit auch über Wahlen hinaus: auf die Frage, welche Räume es für Begegnung und Dialog zwischen Politik und Gesellschaft braucht.

Bürgerräte und andere Beteiligungsformate können dabei eine wichtige Rolle spielen. Allerdings wäre es zu einfach anzunehmen, mehr Bürgerräte führten automatisch zu weniger AfD-Wähler*innen. Demokratische Beteiligung wirke nicht kurzfristig. Sie könne jedoch Vertrauen schaffen, Responsivität erhöhen und dazu beitragen, dass Menschen sich ernst genommen fühlen.

Gleichzeitig beschrieb Begrich ein Demokratieverständnis, in dem Politik stark als Problemlöser und Parteien als “Wünscheerfüller” gesehen werden. Erwartungen richteten sich dann etwa auf öffentlichen Nahverkehr, medizinische Versorgung oder der Nahversorgung im ländlichen Raum. Dahinter stehe eine grundsätzliche Frage: Welche Erwartungen haben Menschen daran, wie Demokratie funktioniert – und welche Verantwortung liegt bei Politik, welche bei Bürger*innen?

 

Fazit

Am gefährlichsten sind autoritäre Kräfte im Alltag, im Hintergrund, wenn keiner mehr hinguckt.

Die Entwicklungen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind keine regionalen Sonderfälle. Sie weisen auf grundlegende Veränderungen im Verhältnis zwischen Politik, Öffentlichkeit und Bürger*innen hin. Demokratien leben nicht allein von funktionierenden Institutionen, sondern auch von Beziehungen, Vertrauen und Beteiligung. Wer die Herausforderungen ernst nimmt, muss daher über Wahlkämpfe hinausdenken und Demokratie wieder stärker als alltägliche Praxis begreifen: präsent, ansprechbar und im ständigen Dialog mit den Menschen.

David Begrich: „Die Leute, die für die Demokratie ihr Gesicht in den Wind halten, brauchen auch den Schutz der Demokratie.”
#Wach Bleiben

Foto: Stefan Wieland


Initiative Offene Gesellschaft · IOG Magazin

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